Wenn du in diesem Artikel gelandet bist, hast du dich vermutlich schon öfter gefragt, ob es sein kann, dass dein Reizdarm durch Stress verursacht oder verstärkt wird. Vielleicht merkst du, dass sich in stressigeren Phasen im Büro deine Symptome verstärken, aber auch, wenn viele Events wie Geburtstage oder Hochzeiten in einem kurzen Zeitraum anstehen oder du Streit mit deinem Partner hattest.
Und dein Gedanke war richtig, denn Stress ist ein ganz wichtiger Faktor, wenn es um das Thema Reizdarm geht.
In diesem Artikel erfährst du, was in Stresssituationen in deinem Körper tatsächlich abläuft, warum dein Darm so heftig auf Stress reagiert und was du tun kannst, um ihm zu helfen.
LESEZEIT: 5 Minuten
Schnellübersicht
Was Stress in deinem Darm auslöst
Dein Körper kennt zwei Grundzustände, und nur in einem davon verdaust du.
Im ersten läuft deine Verdauung ruhig vor sich hin. Dein Darm zerlegt das Essen, schiebt es in gleichmäßigem Takt weiter, und du merkst nichts davon. Das ist der Ruhe-und-Verdauungs-Modus.
Im zweiten steht dein Körper unter Strom. Dein Herz schlägt schneller, Muskeln sind angespannt, alle Energie wird nach außen gerichtet. Das ist der Kampf-oder-Flucht-Modus. Und in diesem Zustand fährt dein Körper die Verdauung herunter.
Wenn du weit genug zurückgehst, macht diese ganz natürliche Reaktion auch total Sinn:
Stell dir einen Vorfahren vor zehntausenden Jahren vor. Vor ihm steht ein Säbelzahntiger. Sein Körper hat jetzt genau eine Aufgabe, und zwar: Das Überleben sichern.
Alle Kraft geht jetzt in die Beine, bereit zum Kampf oder zur Flucht. Das Essen von vorhin ist in diesem Moment völlig zweitrangig. Der Körper stoppt die Verdauung, weil Rennen über Leben und Tod entscheidet und Verdauen nicht.
Und für ein paar Minuten Lebensgefahr ist dieses körpereigene Programm brillant.
Der Haken: Dein Körper unterscheidet nicht zwischen Säbelzahntiger und einer Deadline.
Ein Säbelzahntiger, eine Deadline, ein ungelöster Konflikt oder auch die Angst vor einem Restaurantbesuch mit Durchfall: Für deinen Körper ist all das ein Signal für Gefahr. Er fährt jedes Mal dasselbe Notprogramm, weitergegeben über Nervenbahnen und Stresshormone.
Der Unterschied zu damals: Eine echte Gefahr ist nach einigen Minuten vorbei.
Der Stress im modernen Leben läuft über Wochen, vielleicht auch über Monate. Damit wird aus dem Ausnahmezustand ein Dauerzustand, und dein Darm bleibt im falschen Modus hängen:
Deine Darmbewegung gerät aus dem Takt. (Quelle) Der ruhige Rhythmus, der deinen Darminhalt weiterschiebt, gehört zum Verdauungsmodus. Fällt er weg, kippt es in eine von zwei Richtungen. Entweder dein Darm rast: plötzlicher Stuhldrang, Durchfall. Oder er steht still: Verstopfung und ein Blähbauch, die dir für den ganzen Tag (oder länger) bleiben.
Eigentlich ist mit deinem Darm also alles richtig. Er macht exakt das, was dein Nervensystem ihm signalisiert.
Warum deine Reaktion auf Stress mit Reizdarm stärker ausfällt als bei anderen
Jetzt fragst du dich vielleicht: Ja gut, aber jeder ist doch ein bisschen gestresst, oder? Dann müsste ja jeder Reizdarm haben.
Deine Kollegin hat Stress mit dem Chef. Dein Partner hat Stress im neuen Projekt. Deine Freundin hat Stress mit ihrem Partner. Und trotzdem sitzen sie alle entspannt im Restaurant und freuen sich einfach auf das Essen, während du direkt den Raum abscannst, auf der Suche nach der Notfall-Toilette.
In einer Studie wurde genau das gemessen. Zehn Menschen mit Reizdarm und zehn gesunde Kontrollpersonen bekamen dasselbe Stresshormon per Infusion. Also exakt denselben Reiz, in exakt derselben Menge, unter Laborbedingungen.
Das Ergebnis:
- Der Dickdarm bewegte sich bei beiden Gruppen. Bei den Reizdarm-Betroffenen aber deutlich stärker.
- Die Bauchbeschwerden, die dabei entstanden, hielten bei ihnen erheblich länger an.
Also der gleiche Reiz, doch bei den Reizdarmbetroffenen gab es heftigere Reaktionen und längere Beschwerden.
Die Antwort liegt hier in einem dysregulierten Nervensystem.
Wie oben schon kurz beschrieben, hat dein Nervensystem zwei Zustände: den Alarmzustand (Fight & Flight) und den Ruhezustand (Rest & Digest).
Bei einem regulierten Nervensystem wechseln die beiden Zustände sich flexibel ab. Das heißt, bei einer Stressreaktion schlägt der Pendel einmal aus, das Nervensystem schafft es aber von selbst wieder, in den Entspannungszustand zu kommen.
Bei einem dysregulierten Nervensystem ist diese Balance verschoben: Das System steht dauerhaft näher am Alarm und kommt schwerer zur Ruhe. Dadurch verschiebt sich auch dein Stresstoleranzfenster.
Wenn du auf Stress reagierst, startest du also nicht bei Null bzw. im ausgeglichenen Zustand. Bekommst du einen Stressreiz, den andere (scheinbar) einfach wegstecken, trifft er bei dir auf ein System, das ohnehin schon in Alarmbereitschaft ist.
Die Ursachen eines dysregulierten Nervensystems
Dass ein Nervensystem sich nicht mehr regulieren kann und sozusagen in der Alarmbereitschaft festhängt, passiert nicht über Nacht und hängt auch selten mit einer Deadline oder einer stressigen Woche im Büro zusammen.
In der Regel ist das die Folge von jahrelanger Dauerbelastung von Stress. Aber auch belastende Situationen und Traumata aus der Kindheit können dazu führen, dass das Nervensystem von Anfang an im Alarmzustand steckt. (Quelle)
In meinem Buch gehe ich ganz detailliert darauf ein, wie dein Nervensystem deine Verdauung steuert und wie es mit deinen Emotionen und deiner Ernährung zusammenspielt, wenn du deine Symptome nachhaltig verbessern möchtest.
|
Wenn dein Nervensystem über Jahre hinweg selten zur vollständigen Ruhe kommt, gewöhnt es sich an den erhöhten Pegel. Der Ausnahmezustand wird zur neuen Normaleinstellung.
Und das hat Folgen:
Dein Körper braucht immer weniger Reize, um zu reagieren.
Weil die Alarmschwelle tiefer liegt, reicht mit der Zeit eine Kleinigkeit, zum Beispiel eine kurze Nacht, ein Kaffee auf leerem Magen, eine unbeantwortete Nachricht oder das anstehende Gespräch mit dem Chef.
Reize, die andere nicht einmal bemerken, sind jetzt der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Und dein Körper reagiert mit Symptomen.
Dein Nervensystem steuert den ganzen Körper, nicht nur den Darm. Neben Verdauungsproblemen zeigen sich zum Beispiel auch Erschöpfung am Morgen (obwohl du genug geschlafen hast), auffällige Haut, Konzentrationsschwäche, innere Unruhe bis hin zu Panikattacken. Der Darm ist bei unseren Teilnehmerinnen im Darmwunder Programm zwar oft die lauteste Stelle, aber er ist selten die einzige.
Der Kreislauf, wenn Stress durch deinen Reizdarm noch mehr verstärkt wird
Wenn du einen Reizdarm hast, dann kennst du das:
Du sitzt im Meeting oder bist im Restaurant und du merkst, dass ein Schub kommt. Dein Kopf reagiert sofort: Bitte nicht jetzt. Du wirst wachsam. Du horchst in dich hinein. Wird es schlimmer? Muss ich kurz rausgehen?
Genau diese Anspannung, die in dem Moment entsteht, ist für dein Nervensystem ein neuer Stressreiz. Und du weißt inzwischen, wie er darauf reagiert: mit Symptomen.
Und dadurch entsteht ein andauernder Symptom-Stress-Kreislauf:
Symptome → Angst vor den Symptomen → mehr Anspannung → mehr Symptome
Du hast dir bestimmt auch schon Strategien angeeignet, um dich sicher zu fühlen, ohne dir dessen bewusst zu sein:
- Du informierst dich schon vorab, wo im Kaufhaus die Toilette ist.
- Das Imodium akut liegt in der Handtasche. Das Buscopan auch – immer.
- Du isst vorsichtshalber nichts, bevor du das Haus verlässt.
Ich war selbst Betroffene und kenne diese ganzen Szenarien noch gut von mir. Jeder Schritt wurde geplant. Es gab kaum noch Spontanität in meinem Leben. Ich versuchte, vorausschauend zu agieren und jede mögliche Situation unter Kontrolle zu haben.
Doch genau diese Angst vor einem Schub, die Kontrolle und deine Strategien, um bei auftretenden Symptomen jederzeit vorbereitet zu sein, sind zusätzliche Stressfaktoren, die Menschen ohne Reizdarm gar nicht kennen, dich aber den ganzen Tag begleiten.
Und er hält dich genau in dem Zustand, aus dem du eigentlich rauswillst: ein dysreguliertes Nervensystem.
Und deshalb hilft es einem Reizdarm auch nicht, wenn man ihm sagt, man solle sich einfach mal entspannen. Denn das ist fast nicht mehr möglich.
Warum mehr Urlaub gegen Stress bei Reizdarmbetroffenen nicht die Lösung ist
Wenn der Zusammenhang von Stress und Reizdarm einmal im Raum steht, bekommt man schnell den Rat, sich mal wieder einen freien Tag, ein langes Wochenende oder zwei Wochen Urlaub zu gönnen, um mal wieder richtig abzuschalten.
Dann beruhigt sich das mit den Symptomen schon wieder …
Tatsächlich berichten viele Teilnehmerinnen aus dem Darmwunder Programm, dass sie im Urlaub das Gegenteil von einer Besserung erfahren: Die Symptome werden eher schlimmer.
Und mit allem, was du jetzt in diesem Artikel schon über dein Nervensystem weißt, ergibt das auch Sinn.
Denn Urlaub bedeutet zwar weniger Termine und To-dos. Deinen Stressfaktor “Angst vor Symptomen” hast du aber trotzdem im Gepäck.
Außerdem bedeutet Urlaub in den meisten Fällen auch:
- stressige Anreise mit wenig Schlaf
- schlechter Schlaf durch fremdes Bett und fremde Geräusche
- veränderte Essenszeiten durch Zeitverschiebung
- ungewohnte Hitze am Urlaubsort
- andere Nahrungsmittel und Gewürze, die dein Körper so noch nie verarbeitet hat
- …
Du hast zwar die Arbeit daheim gelassen, doch dein Körper bzw. dein Nervensystem hat wieder neue Aufgaben bekommen, die es jetzt verarbeiten muss.
Und du erinnerst dich: Bei einem bereits überlasteten Nervensystem können genau solche vermeintlich kleinen Umstellungen dazu führen, dass das Fass überläuft.
Symptome zeigen sich … und der Kreislauf beginnt von vorn.
Auch im Urlaub.
Damit möchte ich natürlich nicht sagen, dass du mit Reizdarm nie wieder in den Urlaub fahren solltest! Aber wenn du langfristig eine Lösung suchst, um deine Symptome zu lindern, liegt der Hebel woanders.
Was dein Reizdarm jetzt tatsächlich braucht
Wenn du an dieser Stelle vom Artikel eine schnelle Lösung zum Mitnehmen erwartet hast, muss ich dich leider enttäuschen. Denn ich weiß aus eigener Erfahrung, dass diese schnellen Tipps nicht langfristig helfen:
Wenn es um den Darm geht, setzen die meisten erstmal bei Diäten und Präparaten an, also direkt im Darm. Und vielleicht hat es auch bei dir kurzfristig geholfen, deine Symptome zu lindern. Doch irgendwann ist alles wieder wie vorher.
Ich selbst habe damals über 2.000 Euro in Diät-Programme, Medikamente und Supplements gesteckt. Erst als ich den Zusammenhang zwischen Nervensystem und meinem Reizdarm verstanden hatte, konnte ich wirklich die Ursache angehen.
Ich habe meinem Nervensystem beigebracht, dass es nicht länger im Alarm bleiben muss. Heute bin ich komplett symptomfrei und kann Restaurantbesuche wieder genießen.
Doch dafür gibt es keine Liste mit fünf Tipps, die den Schalter in einer Woche umlegen. Dein Körper steckt seit Jahren in diesem Zustand und er braucht auch Zeit, die richtigen Schritte im Alltag und Wiederholungen, um wieder neu zu lernen, dass er sicher ist. Und genau deshalb haben die schnellen Lösungen bei dir nie lange gehalten.
Deshalb möchte ich dir statt einer neuen schnellen Lösung, die (wieder) nichts bringt, unsere kostenfreie Info-Veranstaltung ans Herz legen, in der wir auf alle die Punkte aus dem Artikel detaillierter eingehen:
Kostenfreie Infoveranstaltung ca. 60 Minuten – online – Anmeldung für 0€
|
Häufige Fragen zu Reizdarm und Stress
Hat Reizdarm etwas mit der Psyche zu tun?
Die Frage ist verständlich, weil viele Betroffene jahrelang hören, es sei „psychosomatisch“. Deine Beschwerden sind körperlich. Gesteuert werden sie von deinem Nervensystem, und auch das ist körperlich. Es geht also um messbare Abläufe zwischen Gehirn und Darm, nicht um deine seelische Stabilität. Genau deshalb führt die Medizin den Reizdarm inzwischen als Störung der Darm-Hirn-Interaktion.
Kann Stress einen Reizdarm auslösen?
Stress verändert nachweislich, wie sich dein Darm bewegt, wie durchlässig seine Schleimhaut ist und wie stark du Reize im Bauch spürst. Bei Reizdarm fällt diese Reaktion stärker aus als bei anderen Menschen. Stress kann daher einer von mehreren zentralen Faktoren für Reizdarm sein.
Ich habe doch gar keinen Stress. Kann es trotzdem daran liegen?
Ja. Für deinen Körper zählt als Stress alles, worauf er sich einstellen muss: schlechter Schlaf, ein unruhiger Tagesrhythmus, Hitze, das ständige Mitdenken über deinen Bauch. Dazu kommt ein zweiter Punkt: Ein Nervensystem, das über Jahre den Alarm gelernt hat, bleibt auch ohne akuten Anlass dort. Der Stress von damals wirkt weiter, selbst wenn dein Alltag heute ruhig aussieht.
Was hilft gegen Reizdarm durch Stress?
Kurzfristig kann eine ruhige Bauchatmung mit langer Ausatmung dein System in einem angespannten Moment etwas beruhigen. Der eigentliche Hebel liegt aber tiefer: die Regulationsfähigkeit deines Nervensystems aufzubauen und dein Kontrollverhalten Schritt für Schritt zu lösen. Beides braucht Wiederholung über Wochen, keine einzelne Übung. Wie dieser Weg konkret aussieht, zeigen wir dir in unserer kostenfreien Infoveranstaltung.